Yoga bedeutet im weiteren Sinne so viel wie Vereinigung, aber was genau ist damit gemeint? „Die Einheit von Körper, Geist und Seele “ ist die wohl meist gehörteste Antwort darauf. Und doch, so richtig greifbar ist diese Aussage nicht.

Kann Yoga mit dem was es verspricht wirklich mithalten?

Hatha Yoga, die körperlich betonte Form der Yogapraxis leitet sich ab von „Ha“ – was für die Sonne, die männliche Seite steht, und „Tha“ der Mondenergie und weiblichen Seite. Auch diese beiden Seiten in uns wollen in Einklang gebracht werden, die Vereinigung der beiden Polaritäten in uns. Das Bild des Yogas knüpft in der Vorstellung der meisten daran an: Ausgeglichenheit, weniger Stress, und Selbsterkenntis sind die häufig beworbenen Vorteile der Yogapraxis. Doch kann das wirklich mit der Realität mithalten? Kann das Ziel ein ewig währendes Gleichgewicht sein, durch das wir stetig in uns Ruhen und uns ausgeglichen fühlen? Und was ist der Weg zu sich selbst?

Unbewusste Vorstellungen und Erwartungen

Das ausbleiben aller Vorstellungen führt in Samadhi

– Hatha Yoga Pradipika IV.97

Wir haben oft eine bestimmte Vorstellung von Dingen, Personen und uns selbst. Vor allem das Bild des Yoga-Lehrenden oder Praktizierenden ist meist mit dem Bild von einem sanftmütigen und ausgeglichenen Charakter verbunden. Als ich anfing Yoga zu praktizieren, war dies eine Seite, die ich erst neu an mir entdecken und zulassen musste. Zunehmend wollte ich mich damit von meinen impulsiven und leistungsorientierten Eigenschaften lösen, die als hinderlich auf meinem Yogaweg betrachtete und ließ nur noch solche Gefühle und Gedanken zu, die zu meinem Bild von Yoga passten. Aber so viele Dinge sich dabei nach positivem Fortschritt anfühlten, so wurde ich doch immer wieder gefühlt „zurückgeworfen“, wenn es mir nicht gelang diese Anforderungen an mich selbst zu erfüllen. Da war sie immer noch, diese Seite in mir die sich nicht immer ruhig stellen ließ. Sie ist unabhängig und unangepasst. Doch auch in diesem Bild habe ich mich vorher lange verrannt. Ich habe aus dieser Seite eine Rolle gemacht, aus der ich nicht raus konnte, da jede Form von Weichheit dieses Bild in Frage gestellt hätte. Mit dem Yoga kam eine neue Erfahrung des Zulassens der feminineren Seite, ohne sie als Schwäche zu empfinden und des Loslassens alter Muster. Doch damit fing ich auch an, mich zu schämen und mich selbst zu kritisieren, wann immer diese andere Seite zu Tage kam. Lange habe ich dafür gebraucht zu erkennen, dass aber auch sie ihre Berechtigung hat und ein Teil von mir ist. Die Wertung kommt lediglich von mir selbst oder der Gesellschaft, ein besser oder schlechter gibt es in nur durch unsere Auffassung der Welt als dualistisch, und hat wenig mit der Wirklichkeit zu tun.

Stay true to your flow

Jede unserer Seiten ist nur eine Fluktuation, die kommt und geht, mal stärker und mal schwächer ist. Die Kunst besteht darin, sich nicht mit ihnen zu identifizieren, sondern ihr Dasein zuzulassen. Yoga ist weder weiß noch schwarz. Yoga ist mehr als das Praktizieren von Asana und Ahimsa. Es geht um die Vereinigung, die Integration unseres Selbst.

Yoga ist mehr als das Praktizieren von Asana und Ahimsa

In diesem Gleichgewicht geht es im Alltag darum, bewusst zu sein und aufzupassen, dass nicht nur eine Seite betont wird, oder eine Rolle entsteht. Stark sein, im Sinne von nicht mehr weich sein können, ist keine wirkliche Stärke. Wild sein sollte nicht zensiert werden, wenn es im Einklang mit der weiblichen Wildheit geschieht, wenn deine Emotionen nicht getriggert sind sondern bewusst aus dem Fluß der tief in dir wohnenden Kreativität heraus zur Oberfläche gelangen. Das erfordert mit den Energien zu arbeiten, statt gegen sie, sie fließen zu lassen statt zu deckeln und zu bewerten. Für die Vereinigung der Polaritäten müssen wir zunächst ihre gleichberechtigte Existenz akzeptieren. Wann immer wir etwas unterdrücken stagniert der Fluss von Prana und wir leben in der Folge ein unauthentisches Leben. Authentisch sind wir erst, wenn wir alle Seiten an uns akzeptieren und leben. Dann bewegen wir uns auf dem Weg der Selbstfindung ohne uns in Rollenbildern und Vorstellungen zu verlieren. Das schließt auch ein, andere, sei es Lehrer, Partner, Familie oder Freunde, nicht nach diesen Rollen und Erwartungen zu bewerten. Yoga kann uns auf diesem Weg helfen, indem es uns inne halten lässt, anzuschauen was gerade ist, zu akzeptieren, aber auch unseren Geist zu stärken um den Zweck nicht aus den Augen zu verlieren. Das letzte Ziel im Yoga ist es schließlich auch diese Eigenschaften irgendwann zu transzendieren.

Bis dahin wünsche ich dir erleuchtende Momente und alles Liebe  ॐ

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